Unser Kollege Nikolai Schmidt-Ott ist mit der ganzen Familie für ein Projekt in die USA gegangen. Hier berichtet er in drei Beiträgen über die aufregende Zeit seiner „Auswanderung mit Rückflugticket“.

Teil 2:

Bevor auch wir Ende Juni nach Austin umzogen, nutzen wir die 2-wöchige Familienurlaubszeit zu einer Camping-RV-Reise, um uns einmalige Landschaften und Nationalparks anzusehen. Unser westlichstes Ziel war der Yellowstone-Park. Aber auch die eindrucksvollen Landschaften um Mount Rushmore, Devils Tower, den Badlands  und der Theodore Roosevelt National Park lagen auf der Strecke. Es gab viel zu entdecken, selbst in den entlegensten Westernregionen und dies versüßte uns die täglichen 7-9 Stunden Fahrzeit.

Unser Kater wurde von Tage zu Tag entspannter in dem wackelnden Haus und schaute sich mittlerweile gerne die vorbeiziehende Landschaft an. Nach ca. 6.500 km kamen wir dann endlich im heißen Süden der USA an. Abends um 22 Uhr schlugen uns noch 35 Grad ins Gesicht. Das war also Texas! Bis auf einen Scheibenwischerausfall im Starkregen hatten wir Glück. Auf der langen Reise ist alles gut gegangen und wir fanden unterwegs (teilweise erst nach einiger Sucherei) auch in den entlegensten und einsamsten Ecken immer wieder eine (Art) Tankstelle, die unsere deutsche Debit- oder Kreditkarte letztendlich akzeptieren wollte.

Inzwischen haben wir uns im heißen Süden eingelebt. Der neue Ottobock- Hauptstandort wächst weiterhin, im Oktober sind wir in Austin auf bereits ca. 60 Mittarbeiter angewachsen. Das neue Headquarter nimmt Fahrt auf dank der großartigen Unterstützung der vielen Otto Bock-Kollegen aus Minneapolis, die mit unzähligen Dienstreisen den Aufbau im Süden vorangetrieben haben. Parallel wird in Minneapolis der Abbau vorbereitet. Es werden ab Ende November nur noch wenige Mitarbeiter sein, die die letzten Maßnahmen zur endgültigen Standortschließung im Dezember abwickeln und begleiten. Die langjährigen Ottobock-Mitarbeiter, die die Standortverlagerung mitmachen, übertragen die Firmenkultur des Familienunternehmens auf die vielen neuen Mitarbeiter. Eine interessante und motivierte Mischung aus alt und neu entsteht in dieser südlichen Metropole. Es macht auch mit den neuen Kollegen viel Spaß, den Aufbau voranzutreiben!

Nach den fast 3 monatigen Sommerferien in den USA, hatte das neue Schuljahr für unsere Kinder Ende August in Texas begonnen und erfordert nun viel zusätzliche Arbeit. Die Kids haben von ca. 7:30  bis ca. 15 Uhr Schule (dies ist die erträglichste Zeit während der heißen Sommermonate) und sitzen im Anschluss noch bis zu 2Std. an den Hausaufgaben. Spätestens um 7:25 Uhr werden die Kinder geordnet mit dem Auto vor der Schule abgegeben, in dem man sich bereits ca. 300m vor der Schule in den PKW-Stau begibt und nach und  nach vorrückt. In die Schuleinfahrtsschleife werden dann ca. 15 PKW auf einmal hereingelassen, die Türen von etlichen Helfern geöffnet und die Kinder mit einem „Happy Tuesday“ (oder was auch immer) begrüßt und aus dem Wagen gezerrt. Dann erhält auch der Fahrer noch einen „have a happy day and please only turn right when exiting“. Das ca. 20 köpfige Empfangskomitee, dass den Verkehr und die geordnete An- und Abfahrt reguliert und aus gestikulierenden, mal mehr mal weniger motiviert winkenden Lehrern, freiwilligen Eltern und Schülern besteht, gibt sich redlich Mühe, das Verkehrschaos vor der Schule und im Viertel lächelnd zu vertuschen. Dazu gehören vor allem auch die „Dillo Dads“ (Armadillo = Gürteltier = texanisches Wappentier), die Vorzeige-Väter der Schulkinder, die sich stolz mit einem entsprechenden Maskottchen-T-Shirt uniformieren und auf den die Schule umgebenden 4-Way Stopp Kreuzungen auf der Straße mit zusätzlich selbstgebastelten und sauber ausgemalten Stoppschildern herumhopsen. Dabei helfen sie den wenigen freiwilligen Fußgängern (Kindern mit ihren netten plaudernden und kaffeetassenhaltenden Müttern) generös und schilderwinkend über die Straße in dem sie sich wagemutig und breitschultrig vor jedes Fahrzeug stellen, dass auch nur den Anschein des Anfahrens macht. Das tun einige dieser Schulväter freiwillig vor der Arbeit und leisten so ihren gesellschaftlichen Beitrag (ich konnte mich diesem Einsatz bislang entziehen und muss mich dafür aber ca. alle 2 Monate an einem „Dillo-Dad Arbeitssamstag“ zum Schulhof sanieren, pflastersteinlegen oder renovieren „freikaufen“.

Und dann war da noch die Sache mit dem Führerschein. In Texas gilt das Gesetz, spätestens 90 Tage nach Einreise muss der Führerschein beantragt und ausgehändigt worden sein. Entweder durch Abgabe des bisherigen (man bekommt diesen nicht zurück und müsste ihn in DE kostspielig neu beantragen), oder durch die komplette erneute Theorie- und Praxistest-Eignungsprüfung, für die ich mich dann zum Gesamtpreis von $26 entschied. Also Bücher raus und am Wochenende büffeln. Nach der bestandenen Theorieprüfung habe ich dann vor ca. 6 Wochen endlich meinen 30 minütigen Fahrprüfungstermin bekommen und bestanden (ich hatte ja inzwischen auch 32 Jahre Zeit zum Üben). Nun habe ich ihn also, den kombinierten texanischen Führerschein mit Personalausweis, der einem das Leben hier um einiges erleichtert, da man nicht dauernd den Pass umherschleppen und sich bei jeder Ausweiskontrolle erklären muss. Mit diesem kleinen Ausweis wird man behandelt wie ein „echter“ Amerikaner, denn wer dem Antragsverfahren und den damit verbundenen Überprüfungen und abzugebenden Bescheinigungen (von Mietvertrag, über Kopie des Energieversorgers bis hin zum elektronischen 4 Fingerkuppen scannen, Lichtbild und anschließenden Sehtest) standhält, der gilt hier als staatlich überprüfter und registrierter Mitbürger.

Nikolai Schmidt-Ott - GleitschirmflugAutor: Nikolai Schmidt-Ott (Leitung IT-Service-Management)